Es war einmal vor vielen Jahren, da lebte im Orient ein alter weiser Mann. Er
hatte eine ganz besondere Gabe: Er konnte Ereignisse voraussehen!
Er verlebte seine Tage damit, den vielen Menschen gute und bereichernde Vorkommnisse
vorher zu sagen, die traurigen ersparte er sich und ihnen, denn er wollte in
den schwierigen Zeiten - mit dem bösartigen König - niemanden kränken und mutlos
machen.
Viele Menschen pilgerten tagtäglich zu dem Weisen hin und stellten ihm ihre
Fragen und er erkannte und wusste, dass es in dem Leben eines jeden Menschen in
der Regel immer schöne und freudige Ereignisse geben wird, wenn dieser Mensch,
auch den Mut und das Bewusstsein dafür hat, an etwas Schönes und Bereicherndes
in seinem Leben zu glauben und es auch sehen, hören, empfinden und erkennen
will!
Die Menschen verliessen den alten, weisen Mann mit Freude im Herzen, teilweise
weinten sie vor Glück und gingen mit Zuversicht und Hoffnung wieder zurück in
ihr Zuhause, in ihr Leben und zu ihren Familien und veränderten sich!
Eines Tages bemerkte der König, dass sich im Volk vieles verwandelt hatte. Die
Menschen waren fröhlich und hatten viel Erfolg mit ihrer Arbeit und viele waren
sehr wohlhabend geworden.
Das erzürnte den König sehr, denn er war leider ein König, der nicht mit Freude
durch sein Leben ging sondern voller Neid und Boshaftigkeit auf sein Volk herab
blickte und es gerne hatte, wenn sein Volk hungerte und darbte. Dann konnte er
neue Gesetze erfinden und alle noch ein bisschen abhängiger machen. Er wusste:
Arme Menschen sind leicht zu regieren, denn sie müssen sich um ihr tägliches
Brot kümmern und haben in der Not keine Zeit, um sich um die wirklich schönen
und angenehmen und wichtigen Dinge im Leben zu kümmern, denn die wollte er ganz
alleine für sich haben!
Der König hatte nur eines im Sinn, Tag und Nacht grübelte er. Wie könnte er es
erreichen, aus den Menschen seines Volkes wieder arme, hilflose Duckmäuser zu
machen, die leicht zu regieren waren und auch gerne bereit waren, für ihn, der
sich sehr gerne stritt und provozierte, den einen oder anderen Krieg zu führen.
Er beratschlagte sich mit vielen Menschen von nah und fern, hauptsächlich mit
gemeinen und boshaften Gestalten, wie er es schaffen könne, sein Vollk wieder
zu den armen, geknechteten Untertanen zu machen, die sie vormals gewesen waren!
Er zahlte sogar Gelder, liess Versammlungen einberufen und versuchte bei
diesen, die Menschen davon zu überzeugen, dass das Böse, was er sah und das ihm
sehr gefiel, das einzige Richtige für ihr Leben sei. Seine Spione mussten die
Menschen ausfragen, um zu erfahren, wie sie diese Veränderung in ihrem Leben
erreicht hatten!
Nach einer geraumen Zeit fand der König heraus, wer für den Wandel seines
Volkes verantwortlich war, nämlich der weise alte Mann, der mit seinen
positiven Voraussagen die Menschen ermutigte, sie stark und glücklich machte
und ihnen damit den Zauber der eigenen Freiheit schenkte!
Der König beriet sich mit seinen Spionen und gemeinen Ratgebern und sie fanden
einen Weg, wie sie den alten Mann aus dem Weg räumen könnten, nämlich mit List
und Tücke und unendlicher Gemeinheit!
Ihr Vorschlag an den König war folgender: Sie würden einen kleinen Spatzen
fangen, der König würde ihn in seinen Händen hinter seinem Rücken verstecken
und er würde den weisen Mann fragen:''Weiser Mann, was verberge ich vor Dir
hinter meinem Rücken?" Da der weise Mann, sehr klug und vorausschauend
war, würde er erkennen, dass der König einen Vogel verborgen hinter seinem
Rücken in seinen Händen hielt. Dann solle der hinterlistige König fragen:''Du
weiser, alter Mann, von dem so viele sagen, dass Du in die Zukunft schauen
kannst, antworte mir auf meine Frage! Sag mir, ob der Vogel lebt oder tot
ist?"
Zwei Möglichkeiten hatte der schlaue, böse König jetzt in der Hand. Antwortete
der Weise:''Er lebt, würde der König den kleinen Spatzen in seiner Hand
erdrücken, würde er sagen:''Er ist tot'', denn würde er den Spatzen fliegen
lassen.
Der König ging in die ferne Stadt, auf den Marktplatz, wo er den weisen, alten
Mann traf und sprach zu ihm:''Du weiser, alter Mann, Du hast mein Volk dazu
gebracht, nicht mehr so zu leben, wie ich es für richtig fand. Du wirst mir
eine Frage beantworten, deren Antwort nur ich wissen kann, wenn Du sie nicht
beantworten kannst, musst Du sterben, wenn Du jedoch das Rätsel errätst, lasse
ich Dir Dein Leben und mein Volk kann in Zukunft nach seinen eigenen
Vorstellungen leben!''
Der weise, alte Mann erschrak zuerst, dann aber sprach er voller
Selbstvertrauen zum König: ''Ich kann in die Zukunft schauen und jedem Menschen
seine Fragen beantworten, die für ihn wichtig sind! Auch Dein Rätsel kann ich
lösen, zum Wohle Deines Volkes!"
Der König stellte sich voller Sicherheit, die er durch viele böse Gespräche und
gemeine Gedanken in sich fühlte vor den Weisen hin und fragte ihn:''Was habe
ich in meiner Hand verborgen?'' Da antwortete ihm der weise, alte Mann:''Einen
kleinen Spatzen, ein Geschenk GOTTES, hast Du in Deiner Hand!'' Daraufhin
erwiderte der böse König, ganz sicher, dass niemand, ausser ihm selber die
Frage beantworten könne:''Du weiser, alter Mann, von dem so viele sagen, dass
Du in die Zukunft schauen kannst, antworte mir auf meine Frage! Sag mir, ob der
Vogel lebt oder tot ist?"
Darauf antwortete ihm der alte, weise Mann:''Ob der Vogel lebt oder tot ist,
das liegt ganz allein in Deiner Hand und was Du selber daraus machst!''
Da merkte der König, dass er verloren hatte und verliess sein Land. Sein Volk
aber lebte von diesem Moment an noch viel glücklicher und in Freuden und
liebevoller und reicher als zuvor und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben
sie noch heute!
...frei nach Hans Christian Anderson